Nein! Aber JA! Appell zum Befreiungsschlag – Gastkommentar
Ich gestehe ein: Frauen geben der ansozialisierten Neigung Ja zu sagen, wenn eigentlich nein gemeint ist, gerne nach. Allzu groß ist die Angst vor Sympathieverlust. Wer stößt schon gerne den Chef oder Kollegen vor den Kopf? Und die Fäden aus der Hand geben – no way! Ein Nein kommt nur schwer über die Lippen, wenn es darum geht, die Arbeiten anderer zu übernehmen. Weil Frauen sowieso immer ja sagen, wird das weibliche Nein weniger leicht akzeptiert. In letzter Sekunde für einen Kollegen einspringen? Mach ich selbstverständlich. Ich stresse mich von A nach B durch den Stau und zurück, hinke mit meiner eigenen Arbeit nach und bleibe ein oder zwei Stündchen länger im Büro. Ich habe ja sonst nichts Wichtiges zu tun -- währenddessen sich besagter Kollege wieder einmal eine zusätzliche Zigarettenpause gönnt. Das Leben ist so ungerecht! Stündlich kann ich mich über das voreilige Ja ärgern und Tage unter den Konsequenzen leiden. Dabei ist Nein sagen so schön! Lange hat es gedauert bis ich die süßen Seiten des Nein entdeckt habe. Obwohl Nein schon immer zu meinem Wortschatz gehörte, zählte es zu den verstaubten Wörtern, die nur selten zum Einsatz kamen. Durch viel übung sage ich heute bewusst Nein und bewusst Ja. Natürlich gibt es ab und zu Rückschläge. An manchen Tagen kostet ein Nein überwindung und wird zur Herausforderung des Tages. Manchmal sage ich zum letzten Mal ja, obwohl lieber nein sagen würde. Je schwerer das Nein, desto größer der Erfolg danach. Jedes bewusste Nein ist wie ein lang ersehnter Befreiungsschlag auf den ich stolz sein kann. Ich belohne mich dafür – mit neuen Schuhen, ein Stückchen Schokolade oder genieße einfach nur die gewonnene Zeit. Sozusagen Klicker-Training für sich selbst. Klare Ansagen zahlen sich aus, daher antworte ich auf die Frage: "Können Frauen es sich leisten, nein zu sagen?" "Aber ja, wir können!"
Erschienen im Wellness Magazin, Österreichs Wohlfühlmagazin Nummer Eins, Oktober 10/2007, Seite 106
