Es war einmal vor langer, langer, gar nicht allzu langer Zeit. An einem Ort weit, weit weg von hier, vielleicht ganz in unserer Nähe – eine Märchenerzählerin: Tamara Anna Hölzlsauer aus Moosburg hat für sich selbst einen Weg gefunden, die schönsten und gefährlichsten Abenteuer des Lebens zu erleben und bestehen: Sie hat das Geschichtenerzählen zu ihrem Beruf gemacht.
Magische Berufung. „Ich lebe seit elf Jahren in Kärnten. Hier habe ich meinen Lebenstraum, eine Landwirtschaft zu bewirtschaften, verwirklicht und aus gesundheitlichen Gründen wieder aufgegeben. Ich war lange auf der Suche nach etwas, wo ich mein ganzes Herzblut rein geben kann“, erzählt Tamara. „Zweimal hatte ich einen Traum, in dem ich Märchen erzählt habe. Das habe ich als Wink verstanden und mich daran gehalten. Mit der Geburt meiner Kinder wuchs mein Interesse an der kindlichen Entwicklung“, so Tamara. Was Kinder stark, lebensfroh und mutig macht, waren Fragen, die sie beschäftigten. „Seit acht Jahren gehört meine Liebe den Märchen und dem kreativen Ausdruck unserer Persönlichkeit. Es gibt für mich nichts Schöneres als gemeinsam mit kleinen und großen Menschen in die Welt der Märchen einzutauchen“, berichtet die Märchenerzählerin. Ihr großes Anliegen ist es, den Zauber, den jedes Märchen birgt, weiterzugeben. „Dieser Zauber ist wie Medizin, er stärkt unseren Glauben an uns selbst und macht uns Mut durch Krisen zu gehen.“ Auch Erwachsene brauchen Märchen, davon ist Tamara überzeugt.
Faszination für Groß und Klein. Es ist allerdings ein Unterschied, ob Tamara für große oder kleine Menschen erzählt. „Erwachsene genießen Wortspielereien und farbenprächtige Beschreibungen. Sie haben schon allerhand erlebt und gestalten aufgrund ihrer Erfahrungen ein inneres Bild. Kinder brauchen eine einfache und klare Sprache. Ihre Phantasie ist noch nicht so ausgeprägt, dass sie sich eine Hexe vorstellen können ohne sie jemals gesehen zu haben“, erklärt sie. „Kinder lieben die alten Volksmärchen und Märchen aus aller Welt. Es muss spannend sein, emotional und leicht verständlich. Ich schreibe auch selbst Geschichten, sie entstehen aus Bruchstücken von Träumen oder ein Thema, das mich sehr beschäftigt, wird mit dem Zauber versehen“, verrät die Märchenerzählerin mit leuchtenden Augen. Für Tamara wirken Geschichten wie ein Schlüssel, der den Zugang zu jedem Herzen findet. Schlafende werden wach küsst, Verwunschene befreit, Lebenswasser eingeflößt und wundersame Kräfte helfen, gegen ungleich stärkere und fürchterliche Drachen zu kämpfen und siegen…
Das können Märchen bedeuten: Hänsel und Gretel interpretiert von Tamara
Am Anfang stehen zwei Geschwister, die im Wald im Stich gelassen werden – welches Kind würde sich da nicht fürchten. Verlassenheitsängste stellen sich da ganz von selbst ein. Es soll eine Art Ablösung von der Mutter stattfinden. Im übertragenen Sinne: am Ende des Stillens, Ende des Windelntragens, sich selbst anziehen, die Schuhe binden, Kindergarten und Schulbeginn. Da fließen Tränen. Es ist oft die Angst vor der Entwicklung, weg vom Gewohnten. Dann das leckere Hexenhaus, von dem sie ohne nachzudenken Ziegel und Fenster weg naschen. Es ist wichtig, dass der junge Mensch lernt seine Triebe zu beherrschen. Im Märchen ist es schließlich die Hexe, die ihre Triebe selbst nicht beherrschen kann und für ihre Gefräßigkeit bestraft wird. Die Rettung erfolgt über zielgerichtetes Handeln, nicht mehr über Wunschdenken. Hänsel hält der Hexe das Knöchelchen hin und Gretel bringt die Hexe dazu selbst in den Ofen zu steigen. Mit den Schätzen aus dem Hexenhaus beladen kehren sie ohne Umwege nach Hause zurück. Und dann wird gefeiert!