Im Auftrag des Herzens
Anita Arneitz am 20. Dezember 2011Eine Reportage über Frauen in Sozialberufen: Ihr Leben zwischen Beruf und Berufung
Manchmal scheint es, als ob es das Schicksal mit uns nicht gut meine. Krisen, schwierige Alltagssituationen, Krankheit oder Alter: Schon Forrest Gump wusste, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man kriegt. Egal, ob Schokoladetrüffel oder bitteres Konfekt, viele Kärntner Frauen, sind in Sozialberufen tätig und helfen, wenn es darauf ankommt. Ihre Leistungen sind täglich eine Gratwanderung zwischen Beruf und Berufung, Nähe und Distanz, Geben und Nehmen. Warum sie sich gerade deshalb für diesen Weg entschieden haben, erzählen Frauen aus vier verschiedenen Bereichen.
Lebensfreude. Viele Sozialberufe sind typische Frauendomänen. Im SeneCura Pflegezentrum St. Veit an der Glan sind 70 Frauen und fünf Männer beschäftigt, die sich um 96 Bewohner kümmern. Jasna Krijan ist seit 2004 Heimleiterin und wollte eigentlich Ärztin werden. Mittlerweile arbeite sie 14 Jahre in der Pflege und hat es noch nie bereut, genauso wie ihr Pflegeteam. „Viele sehen nur die guten Aufstiegschancen, Weiterbildungs- und Verdienstmöglichkeiten, aber um diesen Beruf lange Zeit ausüben zu können, braucht man eine soziale Ader, sehr viel Interesse und Liebe. Es ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Herzenssache“, erzählt Krijan.
Weiterentwicklung. Auch Renate Lauchard legt viel Liebe und Herz in ihre Arbeit. Sie leitet das Comeniusheim für Pflichtschulkinder, die in ihrer Persönlichkeitsentwicklung oder geistigen Entwicklung beeinträchtigt sind. Das Heim wurde vor 25 Jahren in Techelsberg gegründet und bietet Platz für 15 Kinder und Jugendliche. Betreut werden sie von 20 qualifizierten Mitarbeitern. Erst vor kurzem wurde die angeschlossene Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht saniert. „Ich habe vorher in der Bauwirtschaft gearbeitet und wollte mit 30 etwas anderes machen. Ich begann im Comeniusheim und absolvierte eine sonderpädagogische Ausbildung. Heute kann ich sagen, das war die richtige Entscheidung. Obwohl es ein enormer Unterschied zu meiner vorherigen Tätigkeit ist und mich viel mehr beansprucht. Schließlich sind wir ein 24-Stunden-Betrieb. Private Einrichtungen leisten sehr viel für die Gesellschaft, allerdings wird das noch wenig geschätzt und wir werden als Bittsteller abgestempelt“, berichtet Lauchard.
Interesse. Gerda Maischbergers Engagement für therapeutisches Reiten und den Verein „TIK-Therapie und Integration in Kärnten“ ergab sich aus ihrer jahrelangen als diplomierte Kleinkindpädagogin in der Integration sowie dem Umgang mit Tieren. „Ich hatte die Möglichkeit in einem Therapiezentrum in Graz das therapeutische Reiten kennen zu lernen und mir wurde bewusst, welche unglaublichen Fortschritte durch den Umgang mit dem Co-Therapeuten Pferd sowie die Therapie am und mit dem Pferd möglich sind. Ich habe inzwischen das psychotherapeutische Propädeutikum gemacht, um noch besser und wirksamer auf die Beeinträchtigungen der Kinder und Jugendlichen eingehen zu können“, sagt Maischberger aus St. Paul im Lavanttal. Der Verein TIK wurde 2004 gegründet und möchte die Integration von beeinträchtigen Kindern und Jugendliche fördern, Lebensraum und Bewegungsmöglichkeiten für sie schaffen. Derzeit ist der Verein in den Bereichen des therapeutischen Reitens und der Ausbildung von Jugendlichen mit Beeinträchtigungen tätig. Das größte und wichtigste Projekt heißt „Pferde bringen Sonne ins Leben“ und hat die Errichtung eines Integrationszentrums zum Ziel.
Schicksal. Einfach nur helfen möchte Dr. Gunda Strohecker aus Karnburg. Sie initierte gemeinsam mit Sonja Jost, Daniela Strohecker und Marika Schmölzer den Verein „Plattform Dana-Hilfe für Mütter herzkranker oder schwerstkranker Kinder“, der Betroffene kostenlos berät und unterstützt. Sie hat sich selbst 16 Jahre um ihren schwerkranken Sohn gekümmert. „Während der Zeit im Krankenhaus werden Mütter psychologisch betreut. Zuhause muss man mit der Situation alleine fertig werden. Es ist bemerkenswert wie vor allem junge Frauen an diese Aufgabe heran gehen. Ich weiß, was das bedeutet“, erzählt Strohecker, die trotzdem nie ihre Lebensfreude verlor. „Meine Stimmung überträgt sich auf das Kind. Wenn es mir gut geht, geht es dem Kind besser – das habe ich im Krankenhaus erlebt. Allein auf eine fröhliche Stimme reagieren Kinder positiv“, so Strohecker und ergänzt: „Ich wollte dem Kind das Leben so schön wie möglich machen. Er wurde in den Familienverband integriert und soweit es ging, habe ich ihn überall hin mitgenommen. Diese Kinder sollten nicht abgeschottet werden.“
Integration. Das findet auch Renate Lauchard vom Comeniusheim: „Der Kontakt zur Familie wird intensiv gepflegt. Wir möchten unseren Kindern so viele Erfahrungen wie möglich bieten, damit sie sich weiterentwickeln können. Sie sind vollkommen in den Ort integriert. Neben der Schule werden Aktivitäten wie Schifahren, Schwimmen, Ausflüge oder Theaterbesuche groß geschrieben.“ Für Gerda Maischberger ist wichtig, dass beeinträchtigte Kinder und Jugendliche bei der Therapie nicht isoliert werden. „Das durchzuführen war nur auf einem eigenen Betrieb möglich. Bei uns sind beeinträchtigte und nicht beeinträchtigte Menschen gleich willkommen“, so Maischberger. Jeder könne voneinander lernen. „Ich glaube, dass es eine Investition für die Zukunft ist, wenn gesunde Kinder von klein auf den natürlichen Umgang mit beeinträchtigten Menschen lernen und sehen, dass sie einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben leisten“, sagt Maischberger. Das gilt für jung genauso wie für alt.
Unternehmungslust. Warm, satt und sauber – das war einmal. Im Pflegeheim Senecura ist Bewegung angesagt. Grillfest, Faschingsumzug, Urlaub oder Buschenschankbesuch – die Bewohner nehmen aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Am 19. Dezember gibt es das nächste große Fest: ab 14 Uhr gibt es am Parkplatz eine lebendige Grippe mit Glühwein, Keksen & Co. Jeder ist herzlich eingeladen! Möglich ist das nur durch die reaktivierende Aromapflege, visuellen Stimulationen wie leuchtende Sternenhimmel im Zimmer und ein hoch motiviertes Pflegeteam, das vor Ideen und Begeisterung nur so sprüht. Doch woher nehmen sie die Energie dafür?
Gleichgewicht. Obwohl es manchmal schwer ist, müsse man sich abgrenzen können. Bei Yoga oder gemeinsamen Wanderungen nimmt sich das Pflegeteam Zeit für sich. Strohecker schöpft Kraft aus Reisen und ihrer Galerie für zeitgenössische Kunst in Judenburg. Wichtig sei außerdem der Rückhalt der Familie. Das unterstreicht Lauchard. Sie hat selbst zwei Kinder im Alter von 19 Monaten und sieben Jahren. Ausgleich findet sie in ihrer politischen Tätigkeit als Vizebürgermeisterin von Techelsberg und erste Frau im Vorstand der AVS. Die Vereinbarkeit der vielen Tätigkeiten sei nur durch die Unterstützung der eigenen Familie möglich.
Menschlichkeit. „Jede Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, ob beeinträchtigt oder nicht beeinträchtigt, ist eine Tätigkeit, welche einem auffordert etwas von sich einzubringen und zu geben. Wenn man bei dieser Arbeit sieht, welche Fortschritte möglich sind und mit welcher Freude Kinder und Jugendliche dabei sind, bekommt man ein Vielfaches dessen, was man investiert“, erzählt Maischberger. Darin sind sich alle einig: Ein dankbarer Blick, ein Lächeln oder eine Berührung geben soviel mehr zurück, als Worte es beschreiben könnten.

