Wie sind Sie zu dem Thema „Erfolgreich Scheitern“ gekommen?
Gabriele Struger: Als Berater und Coach werde ich immer wieder mit dem Thema „Scheitern“ konfrontiert, denn es sind nicht die Erfolge, die Menschen einen Coach oder Berater aufsuchen lässt, sondern die schwierigen Phasen im Leben. Der menschliche Lebensweg ist ein wechselndes Auf und Ab von Erfolgen und Misserfolgen: im Beruf, bei einer Existenzgründung bei Führungsaufgaben, bei Prüfungen, in der Berufsausbildung oder bei Projekten. Im privaten Bereich begleitet uns das Thema gleichermaßen: in Beziehungen, beim Hausbau oder bei der Kindererziehung. Zu scheitern bedeutet, an eine Grenze zu kommen, an der man persönlich nicht weiterkommt, jedenfalls nicht so wie bisher. Plötzlich verändert sich die gesamte Lebenssituation und dadurch ändern sich auch das Selbstbild, eigene Ansprüche, Prioritäten, Perspektiven und Vorstellungen. Es ist oft sehr hilfreich und sinnvoll, wenn man sich in solchen Veränderungs- und Neuorientierungsprozessen von einem Coach begleiten lässt. Das Scheitern ist überall präsent. Die erfolgsorientierte Gesellschaft blendet das Scheitern jedoch eher aus, anstatt es als Alltagsnormalität und Herausforderung anzunehmen. Die Ansprüche an eigene und fremde Leistungen steigen ständig und man versucht, dem wachsenden Perfektionismuswahn und den schwinden zeitlichen Ressourcen gerecht zu werden. Nur irgendwann ist der Plafond erreicht. Entweder scheitern wir am Versiegen der eigenen Energie oder an den zu hohen und nicht mehr zu erfüllenden Erwartungen. Berichte von Scheitererfahrungen haben mich schließlich auf die Idee gebracht, einen Workshop zu diesem Thema anzubieten.
Was bedeutet Ihnen persönlich (Miss)Erfolg bzw. Scheitern?
Gabriele Struger: Niemand macht gerne negative Erfahrungen, und doch sind es solche Phasen im Leben, die uns Menschen in der persönlichen Entwicklung wachsen lassen – wenn man bereit ist, sich den negativen Erfahrungen zu stellen und daraus zu lernen. Die Erfahrungen, die ich im Kindesalter machen durfte, haben mich geprägt. Ich habe gelernt, wie ich für meine Person mit Rückschlägen am besten umgehe. Es war nicht leicht, den Scheitern ist auch immer mit Verlustgefühlen verbunden, sei es der Verlust von Selbstwertgefühl, Beziehungen, Ansehen oder der Verlust von materiellen Dingen. Aber genau die Konfrontation mit schwierigen Situationen hat mich stark gemacht und ich konnte eine gewisse Resistenz entwickeln. Ich habe gelernt, dass ich schwierigen Situationen nicht hilflos ausgeliefert bin, sondern die Möglichkeit habe, mit meiner Energie, meiner Kreativität und meinen Fähigkeiten aktiv nach Lösungen und Handlungsoptionen zu suchen. Es kann sich jeder glücklich schätzen, der über eine kleine Ressourcenschatzkiste verfügt. Die (Wieder-)Entdeckung der eigenen Fähigkeiten und das Stabilisieren und Stärken des Selbstbewusstseins ist für mich ein wesentlicher Teil in der Arbeit mit Klienten. Was ich heute häufig bei Eltern beobachte, ist das Bemühen, ihrem Kind jede mögliche Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen und es vor jeder negativen Erfahrung bewahren zu wollen. Das ist der Weg, der in der Situation wahrscheinlich am wenigsten Schmerz bereitet, aber es ist auch der Weg, der Kinder nicht stark macht, weil sie ihren Mut, ihre Kräfte und Fähigkeiten in schwierigen Situationen nicht erproben können. Schon Kinder sollten die Möglichkeit haben zu lernen, mit Frustrationen umzugehen. Mit zunehmendem Alter kann man Kindern schrittweise die Erfahrung zumuten, dass seine Wünsche nicht gleich erfüllt werden. Es muss lernen, kleine Enttäuschungen zu ertragen.
Ist Scheitern ein Thema, das besonders Frauen stärker beschäftigt?
Gabriele Struger: Frauen und Männer sind gleichermaßen von diesem Thema betroffen. Frauen reagieren tendenziell eher emotional und beziehungsbezogen. Sie sprechen offener über ihre Gefühle, ihre Ängste und Zweifel. Frauen meinen häufig, dass ihre Leistungen nicht gut genug sind und verfangen sich zwischen Anstrengung und Entwertung, neuer Anstrengung und sich wiederholender Entwertung. Sich selbst nichts zuzutrauen und nur auf Gegebenheiten zu reagieren, bedeutet in der eigenen Entwicklung einen Stillstand. Sobald man aber aktiv wird und etwas probiert, kann es eben auch misslingen. Männer dagegen tendieren eher zu Rationalität und Versachlichung. Sie heben ihr eigenes Handeln hervor, treffen Entscheidungen und werden aktiv. Männer neigen auch eher dazu, Erfolge als Zeichen ihrer Kompetenz zu werten, Misserfolge werden als das Produkt ungünstiger Umstände angesehen. Frauen tendieren zu der Einstellung, dass äußere Umstände der Grund für ihre Erfolge sind. Ungenügende Leistungen ziehen ihrer Meinung nach die Misserfolge nach sich. Diese Einstellung blockiert Frauen, da sie in Scheitersituationen geneigt sind, sich durch weitere Wissensaneignung zu perfektionieren. Perfektionistische Maßstäbe gehen mit einer chronischen Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten einher, was oft das eigentliche Karrierehindernis darstellt. Es sind die oft zu hohen Ansprüche, die Frauen scheitern lassen.
10 Tipps Leserinnen zum Thema Scheitern von Gabriele Struger
Tipp 1: Innehalten. Damit eine Neuorientierung erfolgen kann, braucht man erst einmal Zeit für sich und Achtsamkeit. Die Achtsamkeit auf das Hier und Jetzt kommt der eigenen Befindlichkeit zugute, weil sie uns einen neuen Stand gibt. In dieser Phase kann sich ein neues Selbst- und Weltbild entwickeln. Man kann den Sinnfragen auf die Spur kommen: Was ist für mich zukünftig wichtig? Was brauche ich wirklich?
Tipp 2: Zulassen von negativen Gefühlen. Beachten Sie die negativen Emotionen, die Sie beschäftigen. Suchen Sie sich einen geschützten Raum, lassen Sie Ihre Gefühle zu, schreien sie, weinen sie und trauern sie!
Tipp 3: Fragen zur Situation. Wie interpretieren Sie diese Situation für sich? Wie schätze Sie die Bedeutung des Misserfolges für Ihr Leben ein? Was denken Sie genau? Was bedeuten diese Gedanken?
Tipp 4: Der gedankliche Weg aus der Katastrophe. Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Was ist das Beste, was passieren kann? Wie wahrscheinlich ist dieses Ergebnis?
Tipp 5: Suche nach Handlungsoptionen, Entwicklung von Copingstrategien. Entwickeln Sie in einer Art Brainstorming alternative Sichtweisen und Handlungsoptionen, die Sie früher nicht gesehen haben. Lassen Sie Ihren Gedanken dabei viel Freiraum und halten Sie auch Ideen fest, die vorerst noch ungewöhnlich erscheinen. Bewerten Sie in diesem Schritt noch keinesfalls Ihre Ideensammlung. Wie könnte eine mögliche Lösung aussehen? Wie noch? Was brauche ich für die Zukunft? Wer kann mich unterstützen? Welche Ressourcen brauche ich außerdem?
Tipp 6: Bewertung der Ideensammlung. Erst in diesem Schritt schauen Sie sich die Sammlung Ihrer Ideen kritisch an und bewerten Sie deren Umsetzbarkeit: Ist diese Idee wirklich geeignet mein Problem zu lösen? Ist die Umsetzung dieser Idee überhaupt möglich? Ist die Idee effektiv, ist sie effizient? Wie rasch ist die Umsetzung dieser Idee möglich?
Tipp 7: Umsetzung. Wie kann ich meine wertvollen neuen Perspektiven umsetzen? Welcher Schritt steht an, um Neues einzuladen? Wie messe ich meine Entwicklung? (Bankkonto, Gesundheit, Garderobe, Beifall anderer, Verbindungen und Kontakten zu wichtigen Leuten,…)
Tipp 8: Sich selbst vergeben. Wenn wir scheitern, dann belasten wir uns meistens mit dem Gefühl des persönlichen Versagens, schweigen über das Problem, klagen uns selbst an und rechtfertigen uns. Diese Verhaltensweisen sind nicht hilfreich und lassen uns ganz im Problem stecken. Wer im Schweigen verharrt, der gelangt nicht zum Stadium des Akzeptierens. Das Schwierigste im Scheiterprozess ist wohl, dass man lernt sich selbst seine Fehler zu vergeben!
Tipp 9: Loslassen. Menschen, die nicht loslassen und weitergehen können, leben unter ihren Möglichkeiten, oder sie geben anderen Menschen Macht und Kontrolle in ihrem Leben. Sie reagieren, aber sie agieren nicht in eigener Sache. Die Vermeidung einer Wahl ist auch eine Wahl. Meist hat man aber mehr Wahlmöglichkeiten, als man glaubt.
Tipp 10: Unterstützung durch Dritte. Für manche Menschen ist es hilfreich, Misserfolge mit anderen zu besprechen, sich Tipps und Hilfe zu holen. In Rückschlägen, Krisen, und Pleiten stecken Entwicklungspotenziale – und zwar sowohl berufliche als auch persönliche. Wer es schafft, sich zu dieser Erkenntnis durchzuringen, kann schwierige Phasen eher bewältigen.