Etwa zwei Drittel der weltweit rund 6500 Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Bedingt durch globale und nationale Einflüsse geben vor allem kleine Völker ihre – oft nur mündlich überlieferten – Sprachen auf. Verloren geht damit viel mehr, nämlich ein Stück des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit. Seit 1999 fördert die deutsche VolkswagenStiftung die Dokumentation bedrohter Sprachen. Ich finde, die Projekte höchst spannend. Warum? Das zeigen folgende drei Projekte:
Sprachenrettung auf der Insel Ambrym im Südpazifikstaat Vanuatu
Das Projekt des Dokumentationsteams um Professor Dr. Manfred Krifka vom Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin führt in den Südpazifikstaat Vanuatu. Die Sprachen im Westen und Süden der 680 Quadratkilometer großen Insel Ambrym gehören zu den austronesischen Sprachen und sind – was den Westen und Norden betrifft – bislang so gut wie nicht dokumentiert. Es ist nicht einmal klar, um wie viele Sprachen es sich eigentlich handelt, da verschiedene regionale Dialekte stark ineinander übergehen. Nach ersten eigenen Untersuchungen geht Manfred Krifka derzeit davon aus, dass auf Ambrym mit seinen 8.000 indigenen Einwohnern insgesamt fünf voneinander zu unterscheidende Sprachen gesprochen werden.
Bedroht werden die Sprachen gegenwärtig von drei Seiten: Zum ersten setzt sich als Ligua Franca das Bislama – eine auf dem Englischen basierende Kreolsprache – immer stärker durch; zum Zweiten werden die dialektalen Unterschiede zwischen den Sprachen, obwohl immer noch keine feste Straße die Ortschaften verbindet, kontinuierlich nivelliert. Darüber hinaus drohen die beiden Vulkane in der Mitte der Insel die Bewohner zu vertreiben, was mittelfristig auch zu einem Aus für die Sprache führen würde.
Das Forscherteam um Manfred Krifka möchte mit diesem Projekt die sprachliche Vielfalt linguistisch umfassend dokumentieren: auf der Ebene von Phonetik, Phonologie, Morphologie, Lexikon und Syntax. Im Zentrum der Untersuchungen stehen dabei auch das Geschichtenerzählen sowie Beschreibungen der natürlichen Umgebung wie etwa von medizinischen Pflanzen. Darüber hinaus wollen die Forscher die Begrifflichkeit des komplexen Verwandtschaftssystems sowie der einzigartigen Sandzeichnungen analysieren, die als eine von 90 UNESCO “Masterpieces of the Oral and Intangible Heritage of Humanity” anerkannt sind. In den Sprachkorpus wird zudem ein mehrsprachiges, möglichst umfassendes Lexikon integriert, das auch den Sprechergemeinschaften zur Verfügung gestellt wird.
Dem Kurumba in Indien auf der Spur
Dieses deutsch-französisch-indische Dokumentationsvorhaben nimmt sich einer Sprache an, die im Nilgiris-Gebirge im Süden Indiens verbreitet ist: des Kurumba. Die Region liegt auf einem Hochplateau in bis zu 2600 Metern Höhe und ist von dichtem tropischen Wald begrenzt. Die abgelegene Lage und die schwierigen klimatischen Bedingungen haben dieses Gebiet in eine Art natürliche biologische Insel verwandelt, die über Jahrhunderte hinweg ihre Abgeschiedenheit bewahren konnte. Gesprochen wird das Kurumba noch von schätzungsweise 4.900 Personen. Innerhalb Indiens erstreckt sich das Gebiet auf drei Bundesstaaten mit drei verschiedenen Sprachen und drei verschiedenen Schulsystemen, was zu einer für das Kurumba prekären Situation führt. Als weitere Bedrohung für die Menschen wie für das Ökosystem erweist sich zudem der Trend zum Wildlife-Tourismus.
Die Bevölkerungsgruppe der Kurumba lässt sich in sieben Untergruppen nach ihren Namen und ihrem Lebensraum unterscheiden, die unterschiedliche Sprachvarianten sprechen; die Forscher gehen aber davon aus, dass es sich dennoch um eine einzige Sprache handelt. Im Rahmen des Projektes sollen vier dieser “Dialekte” aus linguistischen, kulturellen und praktischen Gründen dokumentiert werden. Im Zentrum der Dokumentation stehen traditionelle Aktivitäten und Gegenstände der materiellen Kultur sowie das Alltagsleben. Einen zweiten Schwerpunkt bilden die Rituale der Gruppen, insbesondere Toten- und Heilungsrituale sowie die zugehörigen rituellen Texte. Um die charakteristischen Ausformungen dieser Region zu erfassen – und ohne dabei die Diversität der Gruppen einzuebnen – werden sich die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um einen thematischen und transethnischen Zugang bemühen. So wollen sie beispielsweise das Thema “Honig sammeln” – ein Schlüssel zur Identität der Kurumba – auf Video aufnehmen und zeigen, wie verschiedene Gruppen diese Tätigkeit ausüben. Ergänzend werden Erzählungen und Geschichten sowie Lieder und Musik aufgezeichnet.
Hilfe für eine Sprache der “Pygmäen”
Dieses niederländisch-deutsch-afrikanische Dokumentationsprojekt führt auf den afrikanischen Kontinent in den Süden Kameruns, wo die Sprache Bakola beheimatet ist. Bakola wird von maximal 5.000 “Pygmäen” gesprochen, die traditionell von der Jagd im Wald leben. Doch ihr Lebensraum in eigenständigen Siedlungen weitab aller Straßen wird mehr und mehr beschnitten, und der Anpassungsdruck an die mehrheitlich Landwirtschaft betreibende Bevölkerung Kameruns wächst offensichtlich.
Professor Dr. Maarten Mous von der Leiden University möchte daher gemeinsam mit seinem deutschen Kooperationspartner Professor Dr. Raimund Kastenholz von der Universität Mainz sowie jungen Linguisten aus Kamerun die Sprache und Kultur der Bakola durch eine repräsentative Textsammlung dokumentieren, die mit einem umfassenden Multimedia-Lexikon verknüpft wird. Hierzu werden die Forscher Audio-Aufnahmen unterschiedlicher Sprechereignisse und Textgenres machen und verschiedene kulturelle Ereignisse auf Video aufzeichnen, insbesondere Tänze, Erzählungen, Gesänge und Rituale wie Hochzeiten und Trauerfeiern. Das Vokabular soll daraufhin untersucht werden, inwieweit sich in ihm die intensive Beziehung der Pygmäen zur Umwelt widerspiegelt. Zudem wird sich der Blick auf besondere Begriffe im Bereich der Musik, Rituale und Kultur richten. Dieses Material wird dann zum einen als wissenschaftlicher Korpus und zum anderen für die Gemeinschaft selbst aufgearbeitet.

Foto: Die kunstvollen Sandzeichnungen der Einwohner von Ambrym gelten als einzigartig und wurden von der UNESCO als eine von 90 “Masterpieces of the Oral and Intangible Heritage of Humanity” anerkannt. Manfred Krifka