Wo Nischen greifen
Ein Beispiel dafür bietet der österreichische Bio-Gemüsebauer Erich Stekovics, der 3’000 Tomatensorten anbaut und verkauft. Stekovics hat seine Nische im natürlichen Anbau und der sorgfältigen Herstellung von Nahrungsmitteln gefunden. Die Tomaten verarbeitet er im eigenen Betrieb unter anderem zu Saucen und Konserven. Seine Abnehmer sind Spitzenköche, Hobbygärtner und Konsumenten in Österreich, Italien und Deutschland, die den «Geschmack der Kindheit» suchen.
Das Interesse an Stekovics’ Arbeit wurde mit der Zeit so gross, dass er sich eine Kunden-Strategie überlegen musste: «Ich habe mir meine Konsumenten gesucht, so wie ich mir meine Freunde suchen würde. Ich möchte, dass mir der Konsument viel Zeit schenkt», erklärt Stekovics. Darum geht er täglich mit Kunden auf drei- bis vierstündige Führungen durch seine Felder. Wer sich diese Zeit nehme, sei der wahre Kunde. «Ich möchte aus meinen Konsumenten Experten machen», so der innovative Bauer, der den Kunden bewusst Geschichten zum Erzählen mitgibt.
Doch Erfolge winken nicht nur beim Essen. Generell gilt es, selber Nischen zu schaffen. Den Märkten Europas rät Bosshart, ihre starke Tradition der Marken-Qualität weiterzuführen, um sich so hoffentlich auch in den BRIC-Staaten durchzusetzen. Schweizer Unternehmen könnten die Chancen aus der Kleinheit heraus innovativ und kreativ nutzen.
Noch konkreter zeigt dies Simon Threadkell, Retail Design Director bei Fitch, einem englischen Berater für Ladengestaltung. Seine Firma hilft Grosshändlern dabei, Nischen-Ideen in Massen-Segmenten umzusetzen. Denn die grossen Einzelhändler konkurrierten heute nicht mehr direkt miteinander, sondern beobachteten zunehmend, was kleine Player tun – zum Beispiel in Bezug auf Lokalisierung, um in regionalen Gemeinschaften Geschäfte zu öffnen und Teile der Communities zu werden.
Threadkells Praxisbeispiele umfassen das Gladstone Hotel, wo jedes Gästezimmer von einem anderen lokalen Künstler gestaltet wurde oder das Miss Sixty Hotel, mit dem eine Massen-Marke eine Nische gefunden hat. Starbucks-Salons wiederum ähneln eher einer Galerie als einem Coffee-Shop, und Nokia stellt für wenige Wochen Installations-ähnliche Shop-in-Shops in Malls auf. Und ein paar Nischen-Designer verkaufen ihre Waren in Los Angeles in einem Camping-Wagen.
Ob Hotel, Café oder Pop-up-Store: Der Nischenmarkt wird zu dem, was Detailhandel ursprünglich mal war: Ein persönliches Geschäft, wo der Kunde als Individuum behandelt wird; wo seine Bedürfnisse erkannt und verstanden werden; und wo zwischen ihm und dem Anbieter eine lang währende Beziehung besteht. Peter Wippermanns Warnung: «Für Unternehmen, die sich nicht auf Augenhöhe mit den Konsumenten treffen, die sie nicht ernst nehmen, kann es schwierig werden.»
Zehn Thesen der Zukunftsforscher:
1. Das Vertrauen in Hersteller und Händler sinkt, das Vertrauen in die Referenz-Meinung anderer Kunden steigt.
2. Konsumenten schliessen Hersteller und Händler beim Netzwerken und Informationensammeln zunehmend aus.
3. Das Ende der «einsamen Konsumentin» – sie handelt immer mehr als Teil eines kollektiven Netzwerks.
4. Die Konsumentenmärkte von morgen sind auf gesellschaftlicher Ebene verbundene Märkte.
5. Zweit- und Drittmeinungen sind schneller und billiger erhältlich und selbst bei Spontankäufen die Norm.
6. «Linking Value»: Verbindungen sind wichtiger als das Produkt.
7. Im Netz fusst das Vertrauen auf dem Ruf. Rückmeldungen sind das neue Aphrodisiakum.
8. Im Web 2.0 sind Firmen-Lügen ein Relikt vergangener Zeiten.
9. Das Netz schafft soziales Kapital.
10. Die Macht verschiebt sich von B2B zu C2C.
Die Experten
_ Reinier Evers, trendwatching.com (NL), www.trendwatching.com
_ Björn Schäfers, Shopping24, www.shopping24.de
_ Erich Stekovics, Bio-Gemüsebauer (AT), www.stekovics.at
_ Simon Threadkell, Fitch (UK), www.fitch.com
_ Dominique von Matt, Jung von Matt (CH), www.jvm.ch
_ Peter Wippermann, Trendbüro Hamburg (DE), www.trendbuero.de
_ David Bosshart, Gottlieb Duttweiler Institut (CH), www.gdi.ch
Literaturtipps und Links
Literaturhinweise:
_ Nan Lin (2001): «Building a Network Theory of Social Capital»
_ GDI Studie Nr. 19 / 2007: «Vertrauen 2.0 – Kundenvertrauen und Kundenorientierung im Nischenzeitalter», www.gdi.ch/studien
_ Leopold Kohr (2002): «Das Ende der Grossen»
_ Don Tapscott, Anthony D. Williams (2006): «Wikinomics. How Mass Collaboration Changes Everything»
Links:
_ Social Bookmarks: www.stylehive.com, yellowarrow.net, del.icio.us
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_ Celebrity Shopping: www.starstyle.com, www.seenon.com, www.like.com