Therapie im Chatroom
Nur selten bekommen Patienten unmittelbar nach dem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik einen ambulanten Behandlungsplatz zur Psychotherapie in ihrem Heimatort – zumindest in Deutschland. Eine Alternative bietet dann “E-Health” mit neuen Medien: Per Chat, E-Mail oder SMS halten die Therapeuten Kontakt zu ihren Patienten und bauen so eine Brücke zwischen Klinikaufenthalt und Alltag – mit großem Erfolg.
Selbsthilfe-Treffen einmal pro Woche im Chatroom
Die Heidelberger Experten ermöglichen seit 2001 ehemals stationären Patienten gemeinsam mit den Panorama-Fachkliniken in Scheidegg (Allgäu) und der Techniker-Krankenkasse, über eine “Internetbrücke” den Kontakt zum Therapeuten und anderen ehemaligen Patienten zu halten. Das Ganze funktioniert als Gruppen- und als Einzeltherapie – per Chat oder E-Mail. Ähnlich wie bei einer Gruppentherapie treffen sich die ehemaligen Patienten, die z.B. aufgrund von Depressionen, Angst-, Persönlichkeits- oder Essstörungen stationär behandelt wurden, einmal pro Woche im Chatroom und berichten dort von ihren Problemen und Fortschritten. Ein Therapeut aus der Klinik moderiert den Chat und sorgt dafür, dass sich die acht bis zehn Teilnehmer an die vorher vereinbarten Regeln halten. Insgesamt zwölf bis fünfzehn Wochen dauert die virtuelle Gruppentherapie.
Patient schildert per E-Mail seine seelische Verfassung
Ganz ähnlich funktioniert die E-Mail-Therapie – nur kommt es hier lediglich zum Austausch zwischen einem Patient und Therapeut: Der Patient schreibt E-Mails über seine seelische Verfassung, der Therapeut antwortet verlässlich darauf, meist innerhalb eines Tages. “Manche schreiben sich da richtig etwas von der Seele”, sagt Markus Wolf, Mitarbeiter von Dr. Kordy. Da viele Mails und Chats im Internet zu leicht von außen einzusehen sind, haben die Heidelberger eine besonders sichere Plattform entwickelt, auf die nur berechtigte Teilnehmer Zugriff haben.
Reine Internet-Therapie ist in Deutschland nicht erlaubt
Doch wie zuverlässig funktioniert eine Therapie per Internet? Fehlt den Patienten nicht der direkte Kontakt zum Therapeuten – die Körpersprache und der Gesichtsausdruck eines Gegenübers? “Wir haben gute Erfahrungen gemacht”, sagt Dr. Kordy. “Die Teilnehmer kommen mit den neuen Medien zurecht und vermissen die ‘nonverbalen Signale’ des Therapeuten überhaupt nicht.” Selbst ältere Patienten ohne Computererfahrung lernen schnell den Umgang mit dem System. Dennoch soll die virtuelle Therapie den persönlichen Kontakt zum Therapeuten nicht vollständig ersetzen, denn im Gegensatz etwa zu den Niederlanden, ist es in Deutschland nicht erlaubt, reine Internettherapien ohne vorherigen persönlichen Kontakt zum Therapeuten durchzuführen.
Rückenschmerzen: Fragebogen im Chatroom erinnert an Verhaltensänderung
Dr. Eva Neubauer, Psychologin an der Orthopädischen Universitätsklinik in Heidelberg, hat neue Medien bei Rückenschmerzpatienten eingesetzt: Bei diesen spielen oft psychische Faktoren eine große Rolle, daher arbeitet auch Neubauer nach der Entlassung aus der Klinik mit einem Chat. “Wenn chronische Rückenschmerzen besser werden sollen, braucht man langfristig eine Verhaltensänderung im Alltag, zum Beispiel mehr Entspannung, mehr Bewegung oder dass die Patienten abnehmen”, sagt Neubauer. Ob die Patienten ihr Verhalten geändert haben, kann sie anhand des Fragebogens überprüfen, den die Teilnehmer vor Betreten des Chatrooms ausfüllen. Der Chat selbst funktioniert ähnlich wie das Projekt mit den Panorama-Fachkliniken. “Die Patienten wohnen oft weit voneinander weg und würden sonst nicht mehr zusammenkommen”, schildert Neubauer die Vorteile des Verfahrens.
Auch bei der Prävention von Essstörungen hat die Heidelberger Forschergruppe mit dem elektronischen Medium gute Erfahrungen gemacht: Speziell für Studenten haben die Wissenschaftler eine Internetplattform entwickelt: Es(s)prit. Auf dieser können sich Interessierte informieren, wie wahrscheinlich es ist, dass sie selbst an einer Essstörung erkranken oder ob sie bereits daran erkrankt sind. In einem Forum können sie sich zu verschiedenen Themen austauschen und sich ebenfalls in einem Gruppen- oder Einzelberatungschat mit anderen Betroffenen oder einem Berater treffen.
SMS gegen Essstörungen
Doch es geht noch mobiler: Die Psychologin Dr. Stephanie Bauer berichtete bei einer Konferenz, wie sie Patientinnen mit Essstörungen per Kurzmitteilung vom Handy betreut: Ihre Schützlinge verschicken wöchentlich eine SMS über ihr Essverhalten, etwa wie oft es zu Essanfällen kam oder wie oft sie sich erbrochen haben. Daraufhin versendet der Computer automatisch eine passende, aus einem Pool von mehr als 1.000 verschiedenen Standardmitteilungen ausgewählte Antwort. Damit Zusatzinformationen, wie etwa Warnsignale über gravierende Verschlechterungen, nicht übersehen werden, überprüft eine studentische Mitarbeiterin alle Kurzmitteilungen beim Eingang und vor dem Versenden.
Der Erfolg gibt den Heidelbergern recht: “In der Regel gibt es bei Patientinnen mit Essstörungen hohe Therapieabbruchquoten um die 50 Prozent. Bei uns arbeiten etwa 90 Prozent über ein halbes Jahr mit”, so Dr. Kordy.
Weitere Informationen zu “E-Health” am Universitätsklinikum Heidelberg:
www.klinikum.uni-heidelberg.de/E-Health.7355.0.html?&FS=0&L=
